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07/01/2026 • 09:55

Venezuela: Länderprofil, Fragen und Antworten, Faktencheck zum Völkerrecht

Länderprofil Venezuela:

  • Größe: 882.050 km² (Österreich: 82.445 km²)
  • Bevölkerung (2024): 26,56 Mio (Österreich: 9,16 Mio)
  • Hauptstadt: Caracas
  • Wirtschaft: Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) betrug 2024 rund 119,8 Mrd USD (Österreich: 524 Mrd USD). Hauptexportartikel sind mineralische Brennstoffe (62,7%), gefolgt von Eisen und Stahl (8,6%), organische chemische Erzeugnisse (5,4%), Fisch (5%) und Düngemittel (3,8%)
  • Politisches System (bis 3. Jänner 2026): Autokratie;
    2013 wurde der damalige Vizepräsident Nicolás Maduro nach dem Tod des amtierenden Präsidenten Hugo Chávez (Präsident 1998 bis 2013 Begründer des Chavismus) überraschend zum Präsidenten gewählt. Bereits in der ersten Amtszeit begann der Umbau von einer Republik in ein autokratisches System, so geriet der Oberste Gerichtshof unter die Kontrolle Maduros, dem Parlament wurden alle Kompetenzen entzogen. Die Wiederwahl Maduros im Jahr 2018 wurde von der Nationalversammlung Venezuelas als unrechtmäßig erklärt und auch vom Großteil der internationalen Staatengemeinschaft wegen Unregelmäßigkeiten nicht anerkannt, ebenso die Wiederwahl 2024.

 

Analyse von ObstdG Matthias Wasinger

https://on.orf.at/video/14306126/16011467/oberst-bewertet-umstrittene-us-militaeraktion 

Fragen & Antworten. Wer soll Venezuela führen? Derzeit zeichnet sich Interimspräsidentin Rodríguez als starke Frau ab. Aber welchen Plan haben die USA? (aus Kleine Zeitung vom 5. Jänner 2026)

 

Von Klaus Ehringfeld und Maria Schaunitzer


Klaus Ehringfeld: Er arbeitet als freier Korrespondent, primär mit Sitz in Mexiko-Stadt. Seine Schwerpunkte liegen auf politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Lateinamerika, wie etwa der Situation in Venezuela oder dem Einfluss von Drogenkartellen. Er berichtet für zahlreiche renommierte Medien, darunter das Handelsblatt, die Frankfurter Rundschau, das Luxemburger Wort sowie das Redaktions Netzwerk Deutschland (RND).


Maria Schaunitzer: Sie ist die Ressortleiterin für Außenpolitik bei der österreichischen Tageszeitung Kleine Zeitung.

 

1. Wie wird es in Venezuela nun weitergehen?


Es ist in Venezuela jetzt das Panorama eingetreten, das sich für die USA wie das „Worst-Case-Szenario“ anfühlen muss. Nicolás Maduro ist zwar weg und sitzt in einem US-Gefängnis. Aber die Chavisten sind noch da. Und im Moment sieht es nicht so aus, als gebe es nennenswerte Risse in den Machtstrukturen der linksnationalistischen Führung des Landes. Das halbe Dutzend der Figuren, die mit Maduro den festen Machtzirkel bildeten, ist noch da. Und sie wirken verschworen.

 

2. Wer könnte also in Zukunft das südamerikanische Land regieren?


Die erste Wahl als künftige Staatschefin ist Delcy Rodríguez, sie ist als Vizepräsidentin am Samstagabend noch als Übergangsstaatschefin vereidigt worden. So sieht es die Verfassung vor. Sie wird wohl vorerst die Geschicke Venezuelas leiten, auch das Militär steht hinter ihr. Auch wenn Trump ihr diffus mit einem weiteren Militärschlag gedroht hat, sollte sie nicht „nicht das Richtige tun“. Die USA haben sich grundsätzlich bereit erklärt, mit der verbleibenden Führung des südamerikanischen Landes zusammenzuarbeiten. Allerdings unter den Bedingungen der USA: „Wir werden alles anhand ihrer Taten beurteilen und wir werden sehen, was sie tun“, sagte US-Außenminister Marco Rubio am Sonntag dem TV-Sender CBS News.

 

3. Was ist mit den Oppositionsführern?


Der französische Staatschef Emmanuel Macron hat für die Maduro-Übergangsnachfolge den legitimen Wahlsieger Edmundo González Urrutia ins Spiel gebracht. „Wir wünschen uns, dass der 2024 gewählte Präsident diesen Übergang sicherstellen kann.“ Macron spielt auf den Ersatzkandidaten an, der bei der mutmaßlich von Maduro gefälschten Präsidentenwahl im Juli 2024 siegte, dann aber nicht siegen durfte, weil Maduro nicht von der Macht lassen wollte. Eine verblüffende Wende hat Trump bei der Frau vollzogen, von der man denkt, sie sei die Lieblingskandidatin der rechten US-Regierung: María Corina Machado, Rechtsaußen-Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin und bedingungslose Anhängerin von Donald Trump. Machado, 56, würde Venezuela nur allzu gerne in Richtung eines ultrarechten Landes wie Argentinien steuern, mit allen Freiheiten für die Unternehmer. Problem nur: Im Moment hat sie keinerlei Mandat in ihrer Heimat. Und ob sie bei Neuwahlen gewinnen würde, ist eher fraglich. Vielleicht zielte darauf Trumps Aussage, als er sagte: Frau Machado sei eine sympathische Frau, verfüge nicht über die nötige „Unterstützung im Land und den Respekt“. Gesprochen habe er nicht mit ihr. Aber gut möglich, dass ihm das sein Geheimdienst CIA eingeflüstert und dabei die Stimmung im Land wiedergegeben hat.

 

4. Wie ist die Lage im Land?


In Venezuela und der Hauptstadt Caracas herrschte am Sonntag angespannte Ruhe und gähnende Leere auf den Straßen. Die Menschen trauten offensichtlich dem Frieden nicht und fürchten ein hartes Durchgreifen der Machthaber, sollten sie auf die Straßen gehen und den Sturz Maduros feiern. Dies taten dafür umso ausgelassener die im Exil lebenden Venezolaner in Florida, aber auch in Chile und Spanien oder Kolumbien. Acht Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner waren in den vergangenen Jahren vor der Repression des Regimes und der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit geflohen. Laut der Regierung in Caracas gibt es tote und verletzte Zivilisten und Soldaten. Eine Anzahl wurde nicht genannt. Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf Quellen im Regime von 40 Toten, darunter auch Zivilisten. Der Lateinamerikakenner Günther Maihold sagt, viele Menschen in Venezuela stellten sich die Frage, wie es den USA gelingen könne, das Land übergangsweise zu führen. „Gleichzeitig gibt es hohe Erwartungen an schnelle Verbesserungen, beispielsweise bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten,“ betont der Experte der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ im Deutschlandfunk. Viele Menschen hätten Sorge vor einer angedrohten zweiten Angriffswelle der USA auf Venezuela.

 

5. Was erwartet Maduro und seine Frau?


Der gestürzte Machthaber ist inzwischen in den USA in einem Gefängnis. Ein vom Weißen Haus verbreitetes Video zeigt, wie Maduro in Handschellen und umrahmt von Beamten der US-Drogenpolizei DEA in einem Gang des Gebäudes abgeführt wird. Medienberichten zufolge soll er für die Zeit seiner Untersuchungshaft im Metropolitan Detention Center im New Yorker Stadtteil Brooklyn untergebracht werden. Auch seine Frau Cilia Flores ist festgenommen und gemeinsam mit Maduro in die USA überstellt worden. Dort sollte er noch am Montag einem Richter vorgeführt werden. Die US-Behörden werfen ihm insbesondere eine führende Rolle beim Drogenhandel vor. Er soll Anführer einer Organisation für den Drogenschmuggel sein. Bereits seit 2020 liegt eine Anklage gegen Maduro vor.


Faktencheck zum Völkerrecht (aus Kleine Zeitung vom 6. Jänner 2026) von Erika De Wet; Vökerrechtsexpertin an der Universität Graz

„Das Vorgehen der USA lässt sich nicht mit dem geltenden Völkerrecht in Einklang bringen – es ist eine klare Verletzung der Satzung der Vereinten Nationen“, sagt Erika De Wet, Leiterin des Instituts für Völkerrecht an der Uni Graz. Die Bombardierung von Zielen, das gewaltsame Eindringen des US-Militärs in Venezuela sowie das Töten von Sicherheitskräften und Zivilisten verstößt gegen das Gewaltverbot des Völkerrechts. Dass Nicolás Maduro in Caracas als Diktator und nicht als Präsident regierte, ist keine Rechtfertigung für das Vorgehen. Ganz so „komplex“ wie der deutsche Kanzler Friedrich Merz die rechtliche Bewertung nannte, ist es also nicht.

Was bleibt, ist die Frage nach den Folgen. Die USA haben laut der Juristin einen Präzedenzfall geschaffen, der teuer werden könnte. Das Völkerrecht war einst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt worden, um ein neues Verständnis von Staaten und Staatsgewalt zu zeichnen. Davor galt die einfache Formel: Bist du stark, unterwerfe Länder; bist du schwach, wirst du unterworfen. Ein Ansatz, der speziell bei den Starken nun eine Renaissance erlebt.

Lässt sich also das US-Vorgehen in Venezuela mit jenem Russlands in der Ukraine vergleichen? De Wet sagt: „Das Ausmaß der Aggression Russlands in der Ukraine und seine Missachtung des humanitären Völkerrechts haben eine ganz andere Dimension. Die militärische Gewalt gegen Venezuela kann allerdings als bewaffneter Angriff gewertet werden“. Dagegen dürfte sich Venezuela unter Einhaltung des Verhältnismäßigkeitsprinzips und Völkerrechts auch verteidigen.

Die USA haben eine flexible Haltung zum Völkerrecht. In der Geschichte profitierten sie von seiner ordnenden Kraft, hielten sich aber selbst nicht immer daran. Auch nicht 2003, als man in den Irak einmarschierte. Ein UN-Mandat für den Einsatz fehlte, die damalige Selbstverteidigungs-Begründung war spätestens hinfällig, als keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden. Die USA, die einst federführend am Völkerrecht mitgeschrieben haben, setzen es nun unter Druck.


Podcast zur US-Intervention in Venezuela


von Ralph Janik; Völkerrechtsexperte und Assistenzprofessor an der Sigmund-Freud-Universität in Wien
https://podcast71d063.podigee.io/110-maduro 

 

Quelle der Grafik: https://www.cia.gov/the-world-factbook/field/petroleum/