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24/02/2026 • 13:28
Vier Jahre Krieg in der Ukraine - Fragen und Antworten, Analyse, Diskussion
Vier Jahre Krieg in der Ukraine - Fragen und Antworten von Bgdr Sandtner, Analyse von ObstdG Wasinger, Diskussion mit Bgdr Sandtner und Diskussion ObstdG Markus Reisner
In den Morgenstunden des 24. Februar 2022 begann eine großangelegte Offensive der russischen Streitkräfte gegen die Ukraine. Bgdr Berthold Sandtner, Leiter des Instituts für höhere militärische Führung an der LVAk, beantwortet drei Fragen zu vier Jahren Krieg in der Ukraine: Warum hat Russland diesen Krieg begonnen, wie waren seine wesentlichsten Phasen, welche Ziele wurden erreicht und welche Erkenntnisse können wir daraus ziehen?

Warum wurde der Krieg durch Russland begonnen und wo liegen die wesentlichsten strategischen Zielsetzungen?
Im Rahmen seiner allgemeinen Ablehnung der westlich geprägten Weltordnung war es schon länger die Zielsetzung Russlands, die Ukraine zu destabilisieren und diese, ähnlich wie Belarus, politisch steuern zu können. Eine weitere Zuwendung der Ukraine zum Westen und Ausrichtung auf dessen Werteordnung (einschließlich einer erfolgreichen Ökonomie und demokratisch-rechtsstaatlicher Prinzipien), gegebenenfalls sogar ein Beitritt zur NATO, waren aus russischer Sicht unbedingt zu verhindern. Der Umstand, dieses Ziel nicht durch hybride Maßnahmen wie zum Beispiel die Beeinflussung von Wahlen oder wirtschaftlichen Druck erreicht zu haben, dürfte schlussendlich ausschlaggebend für die Entscheidung zum Angriff gewesen sein.
In welchen Phasen ist der Krieg abgelaufen und wodurch waren diese gekennzeichnet?
Die ersten Monate des Krieges waren von russischen Offensivmanövern gleichzeitig im Norden, Osten und Süden der Ukraine gekennzeichnet, wobei die Hauptstadt Kiew gleich zu Beginn handstreichartig mittels einer Luftlandoperation hätte in Besitz genommen werden sollen. Diese als schlagartig geplante militärische Unterwerfung der Ukraine scheiterte aber, und die russischen Kräfte begannen sich in einer zweiten Phase des Krieges auf den Osten, den Donbas, zu konzentrieren. Im Herbst 2022 gelang es der Ukraine, in einer überraschenden Gegenoffensive vor allem im Nordosten große Gebiete zurückzuerobern. Der Winter 2022/2023 war gekennzeichnet von der ersten von vielen strategischen Luftkampagnen der Russen, die sich vornehmlich gegen die kritische Infrastruktur der Ukraine richtet.
Das Jahr 2023 blieb durch den Fall Bakhmuts im Mai, den Kurzzeitaufstand der russischen Söldnergruppe „Wagner“, vor allem aber durch die lange angekündigte, dann aber doch gescheiterte ukrainische Sommeroffensive in Erinnerung.
Diese schlussendlich gescheiterte Sommeroffensive markiert auch den endgültigen Wendepunkt im Charakter dieses Krieges. Es gibt von nun an fast keine operativen Manöver auf beiden Seiten mehr, und der Krieg wird endgültig zum Stellungs- und Abnutzungskrieg. Der ständig zunehmende Einsatz von Drohnen trägt das seine dazu bei, Bewegung auf dem Gefechtsfeld immer schwieriger zu machen.
Im August 2024 gelang es ukrainischen Kräften, in einer überraschenden Aktion auf russisches Staatsgebiet einzudringen und mehrere hundert Quadratkilometer im Raum Kursk zu besetzen. Ein strategischer Prestigeerfolg, der aber aufgrund des zu langen Verbleibens der ukrainischen Kräfte im Raum zu hohen Verlusten führte. Auf russischer Seite kamen 2024 erstmals nordkoreanische Soldaten und Ausrüstung (vor allem Artillerie) zum Einsatz.
Das Jahr 2025 brachte durch den Regierungswechsel in den USA eine Zäsur in der politischen und militärischen Unterstützung durch die USA. Auf dem Gefechtsfeld waren die Drohnen inzwischen das beherrschende Element und führten auf beiden Seiten, vor allem aber auf russischer, zu enorm hohen Verlusten (bis zu 30.000 Gefallene und Verwundete pro Monat). Die Angriffsgeschwindigkeit der russischen Streitkräfte ist dadurch extrem langsam, dennoch gelingen weiterhin stetige Geländegewinne im Osten und Südosten der Ukraine.
Von der durch Russland angestrebten völligen Inbesitznahme der Oblast Donezk trennen Russland noch etwa 5.000 Quadratkilometer Geländegewinne (etwa die Größe des Waldviertels). Bei gleichbleibender Angriffsgeschwindigkeit wie im Jahr 2025 würde man dazu noch etwa zwei Jahre brauchen. Derzeit hält Russland ungefähr 20 Prozent des ukrainischen Territoriums besetzt.
Besonders verheerend waren aufgrund mangelnder Luftabwehrfähigkeit die russischen strategischen Luftkampagnen des Winters 2025/2026. Sehr schwer getroffen wurden Großstädte wie Kiew. Die Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Wasser und Wärme wurde um bis zu 70 Prozent reduziert. Etwa drei Millionen Gebäude in der Ukraine sind beschädigt oder zerstört. Zehn Millionen Ukrainer sind auf der Flucht.
Ausblick und Erkenntnisse
Die strategischen Zielsetzungen Russlands, die zumindest politische Unterwerfung der Ukraine, wurde bisher nicht erreicht. Dem gegenüber gibt es mit Schweden und Finnland aus Anlass dieses Krieges sogar zwei neue NATO-Mitglieder sowie deutliche Bemühungen in ganz Europa zur Wiedererlangung einer glaubhaften Verteidigungsfähigkeit.
Die diplomatischen Bemühungen zur Erreichung zumindest eines Waffenstillstandes blieben allerdings bisher ohne angreifbare Erfolge. Insbesondere Russland, das weiterhin davon ausgeht, den Krieg auch militärisch entscheiden zu können, rückt nicht von seinen Maximalforderungen ab: Insbesondere die Anerkennung der Krim und des gesamten Donbas als russisches Staatsgebiet, keinen NATO-Beitritt der Ukraine, aber vor allem auch einen Wechsel der politischen Führung in der Ukraine. Die Ukraine auf der anderen Seite ist insbesondere ohne verbindliche und robuste Sicherheitsgarantien der europäischen Verbündeten zu keinen weitreichenden Konzessionen bereit. Da die militärstrategische Bereitstellung von Kräften und Mitteln auf beiden Seiten zumindest ein Durchhalten über das Jahr 2026 erlaubt, ist eine militärische Fortführung dieses Krieges zumindest mittelfristig nicht unwahrscheinlich.
Der Krieg in der Ukraine zeigt uns jedenfalls, wie wichtig eine glaubhafte und wirkungsvolle Verteidigungsfähigkeit ist. Ohne die ständige technologische und verfahrensbezogene Weiterentwicklung der ukrainischen Streitkräfte – insbesondere ist hierbei natürlich die intensive Entwicklung und Nutzung von Drohnen anzusprechen – hätte die Ukraine nicht so lange gegen einen übermächtigen Gegner bestehen können. Wichtig, und das zeigt sich seit Kriegsbeginn deutlich, ist aber auch die Verfügbarkeit einer entsprechend hohen Anzahl gut ausgebildeter Soldaten. Mit Technologie allein lässt sich ein Land nicht verteidigen.
Gleichzeitig ist das Mindset der ukrainischen Bevölkerung – die nun schon den vierten Kriegswinter durchhält, obwohl von russischer Seite alles Erdenkliche getan wird, um das Leben zu verunmöglichen –als Paradebeispiel einer gelungenen Geistigen Landesverteidigung anzusehen.
ObstdG Mathias Wasinger in ORF-„Aktuell nach eins“ zum Thema „Vier Jahre Ukrainekrieg“: Bilanz und Ausblick
Aus der Sendungsbeschreibung: ObstdG Wasinger über Frontverläufe, Geländegewinne und den Einfluss der europäischen Unterstützung. Dabei beleuchtet er auch technologische Entwicklungen wie den Einsatz von Drohnen.
https://on.orf.at/video/14312323/16042526/vier-jahre-ukraine-krieg-bilanz-und-ausblick

Bgdr Berthold Sandtner in ORF „Das Gespräch“ zum Thema: „Der Krieg, der uns spaltet: Kapitulieren oder weiterkämpfen?“
Aus der Sendungsbeschreibung: Die Ukrainer sehnen sich nach vier Jahren Krieg endlich nach Frieden. Auch hier bei uns wünschen sich viele ein baldiges Ende des Krieges, der Politik und Gesellschaft spaltet. Wie lange ist die Bevölkerung noch bereit, den Krieg und seine Folgen mitzutragen?
Darüber sprach Susanne Schnabl mit:
- Berthold Sandtner (ÖBH)
- Gerhard Mangott (Russlandexperte Uni Innsbruck)
- Wolfgang Petritsch (ehem. Spitzendiplomat)
- Elisabeth Hoffberger-Pippan (Expertin für Sicherheitspolitik)

Vier Jahre Krieg: Zu viel Geschäft mit dem Gefecht?
ObstdG Markus Reisner auf ServusTV - Links.Rechts.Mitte. - im Duell der Meinungsmacher
Aus der Sendungsbeschreibung: Seit vier Jahren tobt der Krieg in der Ukraine - und auch in dieser Woche scheitern Friedensverhandlungen. Doch während vielen Menschen in der kriegsversehrten Ukraine bei klirrender Kälte die Kräfte ausgehen, stellt die EU weitere 90 Milliarden Euro an Hilfe bereit. Und nicht zufällig schwärmen viele Unternehmer und auch Ex-Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) von Investitionschancen in der Ukraine. Woran scheitern die Friedensbemühungen? Stehen am Ende Geschäftsinteressen hinter dem langen Krieg?
https://www.servustv.com/aktuelles/v/aambjznf307k03pw6e98/
